Kapitel 15
General Hospital, Southampton, Gegenwart
Dr. Kelly saß auf der Couch und starrte auf den Kühlschrank, der in seinem Dienstzimmer leise vor sich hin summte. Der Patient Frank Hollow beschäftigte ihn immer noch. Er konnte sich keinen Reim darauf machen. Er hatte sicher schon viel in seinem Berufsleben gesehen. Aber das, was er heute gesehen hatte, war etwas völlig anderes. Er versuchte das Gesehene mit einem ihm bekannten Krankheitsbild zu vergleichen. Auch die CT-Scans des Patienten wiesen auf kein ihm wirklich bekanntes Krankheitsbild hin, wenn man einmal davon absah, dass er etwas ähnliches in Amerika gesehen hatte. Wirklich gesehen hatte er die Patienten aber auch nicht, denn sie wurden schneller nach Alaska verlegt, als man es sich vorstellen konnte. Damals hatte er diese Art der Medizin bewundert. Wenn er überlegte, wie schwierig es manchmal war, einen Patienten in England nur innerhalb der Stadt zu verlegen, dann war die Verlegung gleich in einen anderen Staat in Amerika schon für ihn etwas Besonderes. Damals. Heute kam es ihm doch ein bisschen merkwürdig vor. Das Summen des Kühlschrankes endetet und der kleine Kühlschrank rüttelte etwas nach, als wenn er die Kälte, die der Motor gerade erzeugt hatte, wieder abschütteln wollte.
Kelly blickte auf die Uhr. 2.30 Uhr. Nach seiner Erfahrung würde heute nichts mehr passieren. Er beschloss sich doch ein bisschen hinzulegen. Morgen früh hätte er sicher wieder viel zu tun, zumal der Patient auf der Intensivstation seine ganze Aufmerksamkeit brauchen würde. Kaum hatte er sich auf der Couch ausgestreckt, war er auch schon eingeschlafen.
Das Telefon klingelte.
Mit einem leicht ärgerlichen Stöhnen richtete sich Kelly wieder auf.
„Kelly!“, meldete er sich etwas forscher als er wollte.
„Entschuldigen sie Doktor Kelly, dass ich sie störe. Hier ist Ann von der Intensivstation. Der neue Patient – Mister Hollow – ist wach….“
„Ja, schön, ich auch, und nun?“, unterbrach Kelly die Schwester und wurde etwas ärgerlich.
„… und nun verlangt er nach ihnen“
„Was? Er verlangt nach MIR? Wie geht das denn? Er ist doch beatmet und sollte eigentlich nicht sprechen können!“
„Wir haben ihn auf Anweisung des Anästhesisten extubiert, weil er gegen das Atemgerät geatmet hat und er sich nicht mehr sedieren ließ“
„Er ließ sich nicht mehr sedieren?“, Kelly wurde immer ärgerlicher. „Wer hat heute Dienst bei den Sandmännern?“
„Doktor Francis“
Eigentlich ein sehr erfahrener Kollege, dachte Kelly und überlegte.
„Doktor Kelly?“, fragte Schwester Ann.
„… Okay, ich komme rauf. Welche Sprache spricht er denn zur Zeit?“
„Englisch natürlich!“, kam die etwas verwunderte Antwort.
Kelly legte auf und überlegte, ob er Miculicz anrufen sollte.
„Warum soll er schlafen, wenn ich wach bin“, sagte Kelly halblaut zu sich selbst.
Er rief Miculicz in seinem Dienstzimmer an, aber anders als Schwester Ann verzichtete er auf höfliche Formeln.
„Ich brauche sie auf der Intensivstation – gleich“
Noch bevor Miculicz antworten konnte, legte Kelly auf und machte sich auf den Weg.
Er rieb sich die Augen. Dann war er wieder hellwach. Jahrelanges Training durch unzählige Nachtdienste ließen ihn auf Knopfdruck einschlafen und wieder wach werden. Nur wenn er zu Hause war, dann lief nichts auf Knopfdruck. Er war meistens nur auf Knopfdruck müde. Leider. Das hatte ihm schon die ein oder andere Freundin weglaufen lassen. Meist hatte er es nicht mitbekommen. Er schlief ja.
Am Fahrstuhl begegnete er Miculicz.
„Was gibt es denn“, fragte ihn sein Kollege
„Tesla ist wach und wünscht mich zu sprechen!“
„Sprechen? Der ist doch intubiert!“
„War er. Man hat ihn extubiert, weil er gegen die Maschine geatmet hat. Er ließ sich nicht sedieren“
„War nicht zu sedieren?“
„Hm. Ja, mehr konnte ich auch nicht sagen, als ihr Gesicht jetzt ausdrückt“
Miculicz strich sich über seine dunklen Locken und wurde etwas verlegen.
„Ich habe schon geschlafen“, sagte er betreten
„Was glauben sie habe ich gemacht?“
Beide betraten den Fahrstuhl. Im Vorraum der Intensivstation erfolgte die immer gleiche Prozedur. Zweiter Schutzkittel aus Papier über den eigenen Kittel streifen, Plastikschuhe übergezogen und Hände desinfizieren. Dann durch die Schleuse. Auf der anderen Seite wartete schon Schwester Ann. Sie war eine Frau, die man getrost als bildhübsch bezeichnen konnte. Sie musste sehr lange Haare haben, aber im Dienst waren sie immer sorgfältig zusammen gebunden und der Pferdeschwanz zu einem Knoten festgesteckt. Die Laune von beiden Männern wurde sofort und merklich besser.
„Guten Morgen, Schwester Ann!“, sagte Kelly freundlich und lächelte dabei sogar etwas.
„Guten Morgen Doktor Kelly, Guten Morgen Doktor Miculicz. Schön, dass sie so schnell gekommen sind“, bekamen die beiden mit einer nahezu unglaublich sanft klingenden Stimme zur Antwort. Die Laune verbesserte sich weiter.
„Wenn sie uns rufen, muss es schon wichtig sein. Ich habe deswegen auch Doktor Miculicz mitgebracht. Wir kennen den Patienten schon aus der Ersten Hilfe“
Miculicz blickte ob der sanften Antwort etwas ungläubig Kelly von der Seite an.
Kelly musterte Ann direkt. Eine wirklich bildhübsche Frau, dachte er. Warum ist ihm das noch nicht vorher aufgefallen? Insgeheim verfluchte er sich, dass er Miculicz mitgenommen hatte.
„Wo liegt der Patient“, fragte er wieder sachlich aber freundlich.
Ein bezauberndes Lächeln erreichte ihn noch vor der Antwort.
„Gleich im ersten Zimmer links. Soll ich sie begleiten!“
„Unbedingt!“, sagten beide Ärzte gleichzeitig.
Erneute verfluchte sich Kelly innerlich.
„Ist der Kollege aus der Anästhesie auch da?“, fragte Kelly
„Ja, er sitzt im Dienstzimmer“
„Gut, dann sollten sie, Doktor Miculicz, zu Doktor Francis in das Dienstzimmer gehen, während ich mir mit Schwester Ann den Patienten ansehe“
Miculicz brummte etwas und ging.
Kelly blieb hinter der Schwester und beobachte ihren Gang. Warum ist sie mir nicht aufgefallen? So etwas muss man doch einfach sehen? Die Gedanken von Kelly waren hellwach.
Vor dem Bett des Patienten blieb Ann stehen und drehte sich zu Kelly um
„Sehen sie?“
„Ja“, sagte Kelly ohne den Patienten anzusehen
„Doktor Kelly, der Patient liegt ein kleines Stück rechts von ihrem momentanen Blick!“
Kelly musste schmunzeln. Sie hat Humor.
„Ich weiß. Ich kenne ihn“
„Sehen sie sich das Gesicht an“
„Wunderschön“, entfuhr es Kelly.
„Ich weiß nicht, mir würde es nicht gefallen“, antwortete Ann.
Kelly lächelte erneut den gesamten Charme aus seinem Gesicht und wandte sich dem Patienten zu.
Was er jetzt sah, war in der Tat nicht schön und ließ in tief einatmen. Das hatte er nicht erwartet.