Berlin, Buchmann-Klinik, Gegenwart
„Kennen sie die genaue Funktion eines Faxgerätes und was man damit noch
machen kann?“
Nathan Sanders blickte sich erstaunt um. Den Mann, der ihn das fragte, kannte
er nicht. Er war gerade in Gedanken versunken und schlenderte durch den
Krankenhauspark. Nathan dachte über den Zustand von Laura nach und war
über diese Frage völlig verwundert, noch dazu von einem, den er nicht kannte.
Laura lag noch immer auf der Wachstation des Krankenhauses. Vor einer
Stunde hatte er noch mit ihr gelacht. Die Schussverletzung war Gott sei Dank
nicht gravierend, trotzdem machte er sich Sorgen. Viele Dinge gingen ihm
durch den Kopf. Auch Laura natürlich. Gerade Laura. Er wusste nicht genau
warum, aber irgend etwas stimmte nicht. Die Frage des Unbekannten riss ihn
aus seinen Gedanken. Der Fremde sprach ein akzentfreies Englisch, trotzdem
schien es nicht seine Muttersprache zu sein.
„Wer sind Sie?“, fragte Nathan den Unbekannten.
„Wir kennen uns nicht – noch nicht. Bitte beantworten Sie mir meine Frage.“
In Nathan stieg Ärger auf. Er hatte jetzt andere Sorgen, als irgendwelchen
Fremden unsinnige Fragen zu beantworten.
„Schauen Sie in einem Lexikon nach, dort sollten Sie fündig werden“, gab er
kurz und leicht unwirsch zu Antwort.
„Wer sind Sie überhaupt?“, wiederholte er seine erste Frage.
„Das ist vielleicht im Moment noch nicht so wichtig, Doktor Sanders. Ich wäre
Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir die Frage beantworten könnten. Vielleicht
ist es auch im Interesse von Laura.“
Jetzt war Sanders noch mehr erstaunt. Der Fremde schien sie zu kennen. Mit
seinem etwas schäbigen Trenchcoat und seiner überdimensionalen Brille wirkte
er ein bisschen, als wenn er aus einer anderen, einer früheren Zeit, zu kommen
schien. Das Gesicht war glatt rasiert und passte so gar nicht zu seinem
nachlässigen Äußeren. Er mochte so um die fünfzig Jahre sein, schätzte
Sanders. Auffallend an seinem glatten Gesicht war eine Narbe an der rechten
Schläfe, die bis in das Haupthaar zu reichen schien. Sie verlief etwas gebogen
und schien von einer Operation herzurühren, die noch nicht lange zurück lag.
„Tun sie mir einen Gefallen, und sagen Sie wer sie sind. Dann können wir uns
meinetwegen auch über Faxgeräte unterhalten“, lenkte Sanders etwas ein. Sein
Interesse war geweckt. Die Vorkommnisse der letzten Zeit waren alles andere
als normal. Also warum sollte er nicht kurz seine Aufmerksamkeit diesem Mann
schenken, noch dazu, wo er ihn und Laura zu kennen schien.
„Ich bin Jan van Buren, freier Journalist und berichte vorzugsweise über
wissenschaftliche Themen in populärwissenschaftlichen Zeitungen. Mein
Spezialgebiet….“
„…sind Faxgeräte!“, ergänzte Sanders etwas zynisch.
„Nicht ganz“, gab van Buren ungerührt zurück, „Obwohl – in letzter Zeit habe
ich mehr mit dieser Technologie zu tun. Im Ernst.“
Nathan wurde nun neugierig. Mehr aus einem Reflex versuchte er die
Funktionsweise eines Faxgerätes zu rekapitulieren. Was ihm spontan einfiel,
war, dass es Deutsche erfunden hatten, aber von den Japanern schneller und
preiswerter auf den Markt gebracht wurde. Nicht besser. Aber billiger -und- das
war das Entscheidende – schneller.
Deutsche entwickeln am Zeichenbrett, Japaner am Markt.
„Ich denke, das was Sie mir zu sagen haben, können Sie mir auch ohne meine
Erläuterungen zu Faxgeräten sagen. Worum geht es?“
„Wie Sie wollen. Kennen sie die Hochfrequenzanlage HAARP in Alaska?“
Nathan war sofort wie elektrisiert. Es schien ein Fluch zu sein. Er war jetzt eine
Woche in Deutschland und alles was hier passiert war, führte immer zu dieser
Anlage in Alaska.
Erst die mysteriösen Todesfälle in Florida, dann das Verschwinden seines
Vaters, den er schließlich in Berlin wieder getroffen hatte. Nathan hatte seine
Arbeit deswegen mehr oder weniger mitten aus einer Vorlesung heraus
verlassen und war in diese Ereignisse hineingeraten. Wenn alle seine
Informationen auch nur annähernd richtig waren, dann spielte HAARP darin
eine zentrale Rolle. Diese angebliche Wettererforschungsstation beschäftigte
sich sicher mit vielen Dingen, wobei das Wetter eher eine untergeordnete Rolle
zu spielen schien. In Florida war er ein angesehener Professor für
Neuropsychologie und leitete eine Abteilung an der Universität in Gainesville.
Dort fühlte er sich sicher und dort war er zu Hause. Jetzt war er alles andere als
sicher, lief durch den Garten eines Krankenhauses in Berlin und bangte um
Laura. Auch sie hatte bis dahin sicher ein besseres Leben als jetzt geführt. Als
Assistentin seines Vaters hatte sie sich aber sofort bereit erklärt ihn bei der
Suche zu begleiten. Ein Heckenschütze hatte sie in ihrem Hotelzimmer
beschossen und Laura dabei verletzt. Nathan wandte sich wieder seinem
unbekannten Gesprächspartner zu.
„Ich kenne die Anlage in Alaska vom Hören sagen“, antwortete er trotzdem
vorsichtig.
„Ich denke, ein bisschen mehr wird es schon sein. Aber nun gut. Ich habe hier
Informationen für Sie, die Sie sich einmal ansehen sollten. Danach sollten wir
unser Gespräch fortsetzen.“
Mit diesen Worten griff van Buren in seine Manteltasche und holte ein kleines
Päckchen hervor. Er öffnete es vorsichtig und zog einen flachen, metallischen
Gegenstand heraus und gab ihn Nathan.
Nathan betrachtete den Gegenstand und stutzte.
„Was ist das?“, fragte er und seine Erregung wuchs.
„Doktor Sanders? Doktor NATHAN SANDERS!“, rief eine Stimme von der
anderen Seite des Parks.
Beide sahen sich nach der Ruferin um. In der Entfernung konnte Nathan eine
Krankenschwester ausmachen, die auf sie zu rannte.
Während des Laufens rief sie weiter.
„Bitte kommen sie schnell auf die Wachstation. Bitte. BEEILEN SIE SICH!“ Die
Krankenschwester schien sehr aufgeregt und winkte mit den Armen.
Van Buren nickte Nathan kurz zu, drehte sich dann wortlos um und ging
langsam und völlig unberührt in die entgegengesetzte Richtung.
Nathan sah kurz auf den Gegenstand, dann rief die Schwester erneut.
„Bitte beeilen Sie sich!“
Nathan war hin und her gerissen.
„Wie erreiche ich Sie?“, rief Nathan dem Journalisten hinterher.
„Sehen Sie sich das an, was ich Ihnen gegeben habe. Dann wissen Sie wie“,
sagte er ohne sich umzudrehen.
Nathan schüttelte den Kopf, betrachte noch einmal den Gegenstand und bekam
ein ungutes Gefühl. Seine Kehle schnürte sich zu. Sein Ahnung von vorhin
verstärkte sich noch mehr. Etwas stimmte nicht. Der Gegenstand in seiner
Hand trug auch nicht zu seiner Beruhigung bei.
Er beschleunigte seine Schritte und lief der Schwester entgegen.
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