Buchmann-Klinik, Berlin, Gegenwart
Nathan hatte inzwischen die Krankenschwester im Park der Klinik erreicht. Er
war etwas außer Atem, da er die letzten Meter auch gerannt war.
„Ich spreche nicht gut Englisch. Kommen sie bitte mit. Es ist dringend“
Stumm folgte Nathan der Schwester, die wieder ihre Schritte beschleunigte.
Nathan´s Herz begann heftig zu schlagen, weniger vor Anstrengung. Seine
Sorge um Laura wuchs. Im sechsten Stock hatten sie die Intensivstation
erreicht. Stumm deutete die Schwester auf die Kittel im Vorraum der Station
und auf ein paar Plastikschuhe zum Überstülpen für die Straßenschuhe. Dann
öffnete sie die Schleuse. Links und rechts befanden sich die Patientenzimmer,
die aber alle durch eine Glasscheibe vom Flur einsehbar waren. Das Piepen
der Monitore und die Geräusche der Beatmungsgeräte bestimmten den
Geräuschpegel der Station. Fast in jedem Zimmer waren Pfleger oder
Schwestern mit der Betreuung der Patienten oder den Geräten, an denen sie
angeschlossen waren, beschäftigt. Ein großer, hagerer Mann mit schütteren
Haaren kam ihnen entgegen.
„Freut mich sie kennen zu lernen, Doktor Sanders. Mein Name ist Manfred
Lauch. Ich bin der Oberarzt dieser Station“, sprach er Nathan in fließendem
Englisch an. Nathan entspannte sich etwas, da er schon befürchtet hatte,die
folgende Unterredung in einer Sprache führen zu müssen, die er nur rudimentär
verstand.
„Danke, dass sie mit mir Englisch sprechen“, sagte Nathan tatsächlich
erfreut.“Was ist passiert?“
„Der Zustand von Miss Gaine hat sich leider deutlich verschlechtert“
„Gab es Probleme mit der Schusswunde?“, fragte Nathan besorgt und seine
Anspannung wuchs wieder.
„Die Schusswunde ist es nicht. Wir haben Probleme mit ihrem Kreislauf
und…etwas, was wir auch noch nicht verstehen“
„Wie meinen sie das?“
„Es gibt ein Problem mit dem zentralen Nervensystem. Ihre Hirnaktivität hat sich
deutlich verschlechtert, ohne das wir bisher einen Grund dafür finden konnten.
Sie war gerade in der Kernspintomographie. Die Bilder werden jeden Moment
hier sein.“
„Ist sie ansprechbar?“. Nathan wurde heiser und räusperte sich.
„Nein. Wir mussten sie beatmen.“
„Kann ich zu ihr?“
„Selbstverständlich. Bitte folgen sie mir:“
Der Oberarzt ging in das nächste Patientenzimmer. Eine Schwester war gerade
dabei eine Infusion zu wechseln.
„Etwas Neues?“, fragte Lauch die Schwester.
„Leider nein. Kreislauf soweit aber stabil.“
Lauch nickte stumm und bat Nathan mit einer Geste an das Bett heran.
Nathan erschrak. Laura war blass. Das Beatmungsgerät machte regelmäßige
Geräusche und der Herzmonitor malte eine grüne Kurve auf den Schirm.
Nathan legte seine Hand auf die Hand von Laura, soweit es die
Infusionsschläuche erlaubten.
„Haben sie meinen Vater informiert?“, fragte Nathan den Oberarzt
„Ja, er müsste auch jeden Moment hier sein. Ich lasse sie jetzt allein, würde sie
aber gerne nachher bei den Bildern aus der Kernspintomographie zu Rate
ziehen. Wir haben hier nicht oft das Glück einen Experten wie sie fragen zu
können.“
Nathan nickte stumm und schaute äußert besorgt auf Laura.
Allein mit ihr im Zimmer, gingen Nathan die ganzen Erinnerungen der letzten
Tage wieder durch den Kopf. Was war das für ein Wahnsinn, in den sie da
geraten waren? Es kam ihm alles wie ein böser Traum vor. Vor zwei Tagen
hatten sie noch im Hotel in Berlin gefrühstückt und Pläne geschmiedet, wie sie
seinen Vater am besten aufspüren könnten. Nathan rieb sich die Augen. Die
Anspannung und Müdigkeit der letzten Tage machte sich jetzt bemerkbar.
Er bemerkte gar nicht, dass sein Vater inzwischen auch in das Zimmer getreten
war.
„Hallo Nathan, mein Junge.“ Nathan drehte sich um und begrüßte stumm, nur
mit einem Kopfnicken, seinen Vater.
„Doktor Lauch hat mich schon informiert. Schrecklich das Ganze. Ich mache mir
solche Vorwürfe, euch damit hineingezogen zu haben.“
„Das ist nicht deine Schuld.“
„Die Bilder sind da“, sagte Doktor Lauch, der wieder in das Zimmer trat.
„Ich möchte ungern stören, aber vielleicht entdecken sie etwas, was uns weiter
helfen könnte.“
Auf dem Flur war ein Lichtkasten, an dem die Bilder der Kernspintomographie
von Laura´s Kopf hingen.
Die drei Ärzte standen zunächst stumm vor den Bildern und betrachteten sie
aufmerksam. Nathan trat etwas dichter an den Bildbetrachter heran.
„Haben sie eine Lupe?“, fragte er Lauch.
„Sicher“
Der Oberarzt zog einen Metallarm aus der Seite des Lichtkastens. Am Ende
des Armes war eine große Lupe angebracht. Nathan bog den flexiblen
Metallarm und schob die Lupe über die Bilder. Was er sah, ließ erneut Unruhe
in ihm aufkommen.
„Schauen sie sich bitte diesen Scan einmal genau an“
Dabei ging er einen Schritt zur Seite, so dass Lauch und sein Vater
abwechselnd durch die Lupe schauen konnten.
„Ich kann nichts entdecken“, sagte sein Vater als Erster. „Aber ich bin auch kein
Experte“
Lauch betrachtete die Bilder länger.
„Es gibt hier drei kleine hypodense Areale. Kreisrund. Das sieht irgendwie
künstlich aus“, sagte er nach einer kleinen Pause.
Nathan nickte.
„Das sind kleine, dunkle Flecken, die zeigen, dass hier Gewebe zerstört oder
verändert wurde“, erklärte Nathan seinem Vater.
„Sie haben Recht. Das ist alles andere als normal. Wir müssen die Bilder sofort
nach Florida zu Professor Meyers schicken. Haben sie einen Bildscanner?“,
fragte er den Oberarzt.
„Nein, wir können sie direkt aus dem Computer nach Florida schicken. Ein
Assistent wird sich darum sofort kümmern. Wofür halten sie diese Areale?“
„Es könnten Strahlungsschäden sein“
Lauch sah Nathan verblüfft an.
„Was für eine Strahlung?“, fragte sein Vater. Auch Lauch schien die Antwort
nicht zu verstehen.
„Wenn ich sie richtig verstanden habe: sie meinen, dass diese kleinen Defekte
als Folge einer Bestrahlung aufgetreten sein könnten?“
„Ich bin mir zwar noch nicht ganz sicher, aber nachdem, was ich bisher weiß,
könnte es eine Möglichkeit sein. Für eine natürliche Ursache sind die Areale zu
symmetrisch und passen nicht in das Bild einer gewöhnlichen, jedenfalls mir
bekannten, Erkrankung.“
Lauch sah Nathan an und räusperte sich etwas verlegen.
„Ich möchte ihnen nicht zu nahe treten, aber wie gut kennen sie Frau Gaine,
Doktor Sanders?“
Nathan war verblüfft.
„Sie ist die Assistentin meines Vaters. Wie meinen sie das?“
„Ich meine eine andere Veränderung, die wir entdeckt haben.“
Mit diesen Worten ging er dichter an das Bett von Laura heran und schlug die
Bettdecke vorsichtig zurück. Nathan war überrascht und erschrocken zugleich.
Überrascht über das, was er sah und erschrocken über das Vibrieren in seiner
Hosentasche. Im fiel der Gegenstand wieder ein, den er von van Buren
bekommen hatte.
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