Kapitel 10
General Hospital, Southampton, Gegenwart
Doktor Kelly wich erstaunt zurück. Frank Hollow stand unmittelbar vor ihm. Seine Augen waren verdreht und er atmete heftig. Aus den Augenwinkeln konnte Kelly den Anästhesiepfleger auf dem Boden liegen sehen. Aus einem Reflex fasste er Frank Hollow an den Schultern und wollte ihn wieder sanft zur Untersuchungsliege zurück schieben. Aber bei der ersten Berührung zuckte Frank Hollow zusammen und stieß ein klagendes Heulen aus. Kelly wich wieder etwas zurück. Die Augen von Hollow weiteten sich und schienen jetzt Kelly zu fixieren. Beide standen sich wie angewurzelt gegenüber. Kelly versuchte erneut eine Annäherung, diesmal nur mit einer Hand und ganz vorsichtig.
„Frank, lassen sie sich helfen. Sie sind krank, sie müssen sich unbedingt wieder auf die Untersuchungsliege legen.“
Frank Hollow bewegte sich keinen Millimeter und musterte Kelly unverwandt weiter. Er hatte wieder Nasenbluten, doch diesmal heftiger als zu Beginn.
„Frank, ihre Nase blutet. Lassen sie mich ihnen helfen. Bitte, legen sie sich hin!“
Hollow hob langsam seine Hand und wirkte nun wie ein stummer Prediger. Die Veränderungen an seiner Hand waren noch deutlicher geworden. Einzelne Hautfetzen hingen herunter.
„Was ist denn hier los?“, fragte Doktor Miculicz, der wieder von seiner Suche nach dem diensthabenden Radiologen zurückgekehrt war.
„Reden sie mit ihm, ich weiß auch nicht, was hier los ist.“
Ein leises Stöhnen vom Boden signalisierte, dass der Pfleger langsam wieder zu sich kam.
„Kümmern sie sich bitte um den Pfleger“, sagte Kelly zu Miculicz ohne Hollow aus den Augen zu lassen. Miculicz beugte sich zu dem Pfleger hinunter
„Er hat, soweit ich sehen kann, keine Verletzung. Nur ein bisschen benommen.“ Dann trat Doktor Miculicz ganz dicht an Frank Hollow heran. Dieser schien ihn gar nicht wahrzunehmen.
„Sprechen sie mit ihm in ihrer Sprache. Auf meine reagiert er nicht“, raunte Kelly ihm zu. Miculicz nickte. Bevor er jedoch einen Satz sagen konnte, öffnete Hollow seinen Mund und sprach deutlich und langsam.
„Čitajte tu knjigu!“
„Was sagte er?“, fragte Kelly
„Wir sollen das Buch lesen“, antwortete ihm Miculicz.
„Was für ein Buch?“ fragte Kelly weiter.
„Koju knjigu?“, gab Miculicz die Frage weiter
„TU KNJIGU“, antwortete Hollow.
„Wir sollen DAS BUCH lesen“, übersetzte Miculicz
Kelly und Miculicz sahen sich ratlos an.
„Was zum Teufel meint er? Sagen sie ihm, er soll sich erst wieder hinlegen. Er ist krank, ach …und sagen sie ihm auch, es ist nicht notwendig, das Pflegepersonal niederzuschlagen, wenn man aufstehen möchte“, dabei deutete er auf den noch immer an Boden liegen Pfleger.
Miculicz stellte sich noch dichter an Hollow heran und übersetzte die von Kelly geäußerten Wünsche, allerdings in verkürzter Form. Hollow drehte sich langsam zu Miculicz um und blickte ihm tief in die Augen.
„Čitajte tu knjigu. Ja idem sada!“
„Wir sollen das Buch lesen und er wird uns jetzt verlassen“, übersetzte Miculicz ungefragt.
Nach diesem Satz brach Hollow zusammen. Der Reflex ihn aufzufangen kam zu spät. Mit einem harten und dumpfen Schlag fiel Hollow auf den Boden. Beide Ärzten beugten sich sofort über ihn.
„Auf die Liege mit ihm“, rief Kelly, „…und kann verdammt noch einmal eine Schwester kommen?“, brüllte er jetzt lauter in die Erste-Hilfe-Station. Sofort war wieder leben in der Station. Zwei Schwestern kamen im Eilschritt. Der Pfleger war gerade wieder aufgestanden.
„Wie geht es ihnen?“, fragte Kelly den Pfleger.
„Noch ein bisschen benommen. Er hat mir eins mit seinem Fuß verpasst.“ Dabei rieb er sich den schmerzenden Hinterkopf.
„Ich bin Okay“, stellte er dann fest.
„Gut“, sagte Kelly nur kurz. „Können sie uns helfen, Hollow wieder auf die Liege zu legen?“
„Sicher“
„Erneut sedieren, Monitorring wieder anschließen und diesmal auch fixieren! An Armen und Beinen!“
Die beiden Schwestern arbeiteten stumm die Anordnungen von Doktor Kelly ab.
„Erneut tiefe Bewusstlosigkeit“, stellte Kelly nach einer kurzen Weile und Beobachtung der Monitore fest.
„Er muss jetzt auf die Intensivstation. Lohnt es sich noch nach dem Radiologen zu fragen?“
„Doktor O´Mally ist jetzt da und sagt, wir können den Patienten zu ihm bringen. Das Gerät ist betriebsbereit“, antworte die Oberschwester, die gerade den Raum wieder betrat.
Kelly überlegte, ob er etwas erwidern sollte, wer oder was betriebsbereit ist, schwieg aber, um nicht wieder in ein Wortgefecht mit der Oberschwester zu geraten.
„Was für ein Buch meinte Hollow“, fragte er stattdessen Miculicz.
„Vielleicht das kleine Buch, das wir bei ihm gefunden haben?“
„Hm – könnte sein. Wo ist es denn?“
„Bei seinen Sachen. Drüben auf dem Tisch.“
„Wir werden Hilfe für diesen Fall brauchen“, sagte Kelly mehr zu sich selbst.
Miculicz nickte stumm.
„Wochenlang passiert hier nichts Ungewöhnliches. Betrunkene, Herzanfälle und Gartenunfälle. Dann plötzlich wird uns dieser Patient gebracht, der behauptet Nicola Tesla zu sein, spricht eine andere Sprache, zeigt keinerlei wesentliche Veränderungen – nehmen wir die Hand mal davon aus- und fällt in tiefe Bewusstlosigkeit. Ich bin auf das CT sehr gespannt.“
„Ich auch“, sagte Miculicz.
„Manchmal bereue ich, dass ich nicht in den USA geblieben bin“
„Sie waren in den Staaten?“, fragte Miculicz ungläubig.
„Ja, ich habe nach dem Studium 2Jahre in den Staaten gearbeitet. In Florida.“
„Was haben sie dort gemacht?“, fragte Miculicz jetzt sichtlich interessiert.
„Ich war am McKnight-Brain-Institute, Universität Florida. Ich hatte eigentlich vor Neurochirurg zu werden, habe mich aber dann doch lieber für eine Laufbahn in einem Krankenhaus bei uns entschlossen. Sie können sich denken, welches Krankenhaus?“, dabei schmunzelte Kelly etwas
Miculicz lächelte verständnisvoll zurück.
„Das war sicher eine Umstellung für sie, wieder hier zu arbeiten“
„Ja, die Radiologen waren in den Staaten deutlich schneller vor Ort als bei uns!“
Beide Ärzte lachten.
„Lassen sie uns zum CT gehen. Vielleicht sind die ersten Scans schon fertig. Allerdings…..hat nicht heute Carol Dienst?“
Wieder lachten beide Ärzte und verschwanden im Fahrstuhl.