Southampton, Fischereihafen,
2 Tage zuvor
Es ging schon seit Tagen so. Frank Hollow verzweifelte langsam. Jeden Tag Nasenbluten. Dann diese entsetzlichen Kopfschmerzen. Aber alles ließe sich aushalten, wenn ihn nur nicht diese schrecklichen Träume plagen würden. Seit Tagen hatte er nichts mehr gegessen, wenig getrunken und gar nicht geschlafen. Auch auf seiner Arbeitsstelle war er nicht mehr. Wie unter Zwang musste er den ganzen Tag durch die Stadt laufen. Ruhelos und ohne erkennbares Ziel. Vor zwei Tagen hatte er gedacht, er wird sterben. Die Kopfschmerzen ließen ihn laut aufschreien. Mitten auf der Straße. Die Passanten beachteten ihn nicht weiter. Er musste sich setzen. „Alkohol“, hörte er einen Passanten im Vorbeigehen murmeln. Dabei hatte er in seinem Leben noch nie Alkohol getrunken.
Heute hatte sich sein zielloses Herumlaufen in den Hafen geführt. Frank Hollow blickte an sich herunter und betrachtete seine Hände. Sie zitterten. Er drehte sie um, so dass er die Handflächen betrachten konnte. Erst war es ihm nicht aufgefallen, aber dann war es ganz deutlich. Die Linien in seiner Handfläche hatten sich verändert. Wenn sie sich normalerweise wie Spiegelbilder glichen, war jetzt die Veränderung mehr als deutlich. Die Linien seiner linken Handfläche waren anders. Komplett anders. Während sie vorher die Form eines schönen, geschwungenen „M“ hatten, tauchten nun zusätzliche Linien auf. Wie große Balken durchkreuzten sie das „M“.
Es schien beinahe so, als wenn sich ein zweites „M“ bilden wollte.
Die rechte Handfläche zeigte diese Linien nicht. Beim Aufblicken wurde Frank schwindelig. Er blicke auf das Meer. Das Wasser war schwarz und bedrohlich. Der Wind fegte über das Meer und unterbrach so das Schwarz des Wassers, indem er weiße Kämme auf die Wellen blies.
Frank konnte das Salz in der Luft schmecken. Der schon seit Stunden dauernde Nieselregen hatte seinen Mantel völlig durchnässt. Er fühlte weder Nässe, noch Kälte oder Hunger. Nur diesen entsetzlichen Kopfschmerz. Noch etwas bereitete ihm Sorgen. Seit Tagen fand er in seiner Wohnung Unmengen von Papier. Dicht beschrieben. Es schien täglich mehr zu werden. So wie es aussah, war es seine Handschrift. Kein Zweifel. Aber trotzdem konnte er nur wenige Worte entziffern. Er verstand den Inhalt überhaupt nicht. Es könnte etwas Technisches sein. Frank Hollow arbeitete seit Jahren bei einer Bank und hatte so gut wie überhaupt kein technisches Verständnis. Schon bei kleineren Problemen seines PC musste er seinen Kollegen holen. Jetzt stapelten sich Papierberge in seiner Wohnung mit Abhandlungen über technische Vorgänge oder Abhandlungen über Dinge, die er noch weniger verstand, weil sie in einer Sprache geschrieben wurden, die er weder lesen noch sprechen konnte. Er wusste noch nicht einmal, um welche Sprache es sich handelte.
Frank wurde erneut schwindlig. Erst war er erschrocken, weil er an einen Einbruch in seine Wohnung dachte. Aber es fehlte nichts. Zum Anfang war es auch nur eine Seite, die er morgens nach einer fürchterlichen Nacht auf seinem Schreibtisch in der Wohnung fand. Seitdem wurden es täglich mehr die in seiner Handschrift geschrieben auf dem Schreibtisch lagen. Bis gestern. Da tauchte die erste Seite in einer anderen Sprache auf. Frank erschrak und etwas schien ihn aber auch gleichzeitig zu beruhigen. Er sprach jetzt oft mit sich selbst. Als Single war er Einsamkeit gewohnt. Er hatte auch schon von anderen Singles gehört, dass man durchaus auch zu Hause mit sich selbst sprechen durfte. Er hatte nur das Gefühl, dass er nicht zu sich selbst sprach, sondern mit sich selbst unterhielt. Wenn die „Gespräche“ nicht so real und interessant für ihn gewesen wären, hätte er sich selber für verrückt erklärt. Trotzdem blieben natürlich Zweifel. Diese Unruhe und seine Kopfschmerzen ließen ihn zu einem Arzt gehen.
„Gesund, wie ein Fisch im Wasser“, empfing ihn sein langjähriger Hausarzt, nachdem er ein ganze Reihe von Tests mit ihm durchgeführt hatte.
„Sie sollten einmal richtig ausspannen und Urlaub machen, anstatt ihren Kunden überhöhte Zinsen abzuknöpfen“, gab ihm sein Arzt mit auf den Weg, während er ihm den Arm freundschaftlich um die Schultern legte und ihn damit aber auch gleichzeitig sanft aus dem Sprechzimmer schob. Frank war auf der einen Seite froh, aber auf der anderen Seite wusste er, dass etwas nicht stimmte. Er wusste nur nicht was.
Der Wind blies jetzt stärker und das Weiß auf den Kronen der Wellen breitete sich aus. Die Wellen faszinierten ihn. Auch etwas, was neu war. Früher hat er dem Meer überhaupt keine Beachtung geschenkt. Heute konnte er stundenlang die Wellen beobachten. Frank nahm ein kleines Notizbuch aus seinem Mantel und schrieb etwas hinein. Mit geschlossenen Augen. Dabei wurden aus Wellen mathematische Formeln und die Buchstaben einer Sprache die er nicht verstand, tanzten um die Wellen.
Das Rütteln und Wackeln, das durch die schlechten Straßen am Hafen den Krankenwagen bedenklich schaukeln ließ, störten die Wellen und Buchstaben in Frank Hollows Kopf nicht mehr. Zu tief war seine Bewusstlosigkeit.
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