General Hospital, Southampton, Gegenwart
Doktor Kelly machte auf der Treppe halt und drehte sich missmutig zu Doktor Miculicz um.
„Ich hoffe, sie haben einen guten Grund, warum sie mich noch einmal rufen!“
„Sehen sie es sich nur an. Bitte.“, drängte ihn Doktor Miculicz weiter.
Mürrisch trottete Kelly wieder in den Erste-Hilfe-Raum.
Miculicz wurde jetzt sichtlich aufgeregter.
Er nahm die Hand von Frank Hollow und zeigte Kelly die Handinnenfläche des Patienten. Hollow schien wieder bewusstlos zu sein, jedenfalls zeigte er keinerlei Reaktionen.
Kelly trat dichter an den Patienten heran und zog die Augenbrauen dabei hoch.
„Wofür halten sie es?“, fragte er Miculicz jetzt doch mit sichtbarem Interesse. Der schüttelte nur stumm den Kopf.
„Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Ich habe so etwas noch nie gesehen.“
Kelly brummte etwas. Als nichts passierte wurde er lauter.
„Licht bitte!“
Die Schwester rollte nur stumm mit den Augen und zog die OP-Leuchte dichter an die Hand des Patienten.
Jetzt im hellen Licht war die Veränderung sehr deutlich zu sehen.
Die Haut der Handinnenfläche schien sich abzulösen. Aber es war keine Verletzung zu sehen. Miculicz nahm eine Pinzette und zog an einem Hautfetzen. Ohne ein Tropfen Blut löste er sich ab wie Pergamentpapier. Darunter hatte die Haut eine völlig andere Farbe.
„Könnte es eine Vergiftung sein?“, fragte Kelly mehr sich selber.
„Wir haben im Screening nichts gefunden, auch keine Barbiturate. Absolut nichts. Bisher“, antwortete ihm Miculicz.
Kelly beugte sich noch tiefer über die Hand.
„Es scheint, dass unter der abgelösten Haut ein völlig anderer Hauttyp zum Vorschein kommt. Sehen sie einmal die Linien in seiner Hand auf der „alten“ Haut. Sie verlaufen vollkommen anders. Sind diese Veränderungen an der Haut auch an der anderen Hand?“, fragte Kelly.
„Nein. Wobei, jetzt wo sie die Linien ansprechen. Sehen sie einmal hier“, dabei zeigte ihm Miculicz die linke Hand, die er gerade untersuchte.
„Hier werden die Handlinien von anderen Linien durchkreuzt.“
Kelly warf einen Blick auf die linke Hand und nickte mit dem Kopf.
„Was machen die Vitalwerte?“, fragte er die Schwester.
„Im Augenblick stabil. Spontanatmung. Blutdruck unter Infusion stabil. Aber tiefe Bewusstlosigkeit. Sollten wir nicht besser intubieren?“
„Ja, wäre besser. Wann melden die sich endlich aus der Radiologie? Wir brauchen ein CT vom Kopf“, wurde Kelly wieder ärgerlich, während er begann den Patienten für die Beatmung vorzubereiten.
„Sie haben den Radiologen noch nicht erreicht!“
„Wer hat heute Dienst?“
„Doktor O´Mally“
Kelly und Miculicz sahen sich wissend an.
„Probieren sie es einmal im Schwesternwohnheim. Da müssten sie Erfolg haben.“, sagte Kelly lakonisch.
„Zweiter Stock“, ergänzte Miculicz.
„Zimmer 204“, setzte Kelly das Spiel fort.
Eine der Schwestern bekam einen roten Kopf.
„Das ist mein Zimmer“, sagte sie halblaut.
„Aha“, sagte Kelly vielsagend.
„Am besten sie fangen im Erdgeschoss an und das alles ein bisschen plötzlich, oder sollen wir Feueralarm geben und sehen, aus welchem Zimmer O´Mally gerannt kommt?“
Der Kopf der Schwester verfärbte sich in ein tiefes Rot. Hektisch begann sie das Telefon zu bearbeiten.
„Es wäre schön, wenn er in Dienstkleidung kommt und….dort wo sich Reißverschlüsse befinden, sollte sie auch geschlossen sein“, setze Kelly noch eins drauf. Ein Pfleger lachte, stellte es aber nach einem strafenden Blick durch die Oberschwester wieder ein.
„Aber wenn es keine Vergiftung ist, was ist es dann“, wandte sich Miculicz wieder Kelly zu. Nur mühsam konnte er ein Lachen unterdrücken.
Kelly schüttelte den Kopf.
„Es sieht aus wie bei einer Schlange, die sich häutet.“
„Eidechsen können in der Not ihren Schwanz abwerfen“, ergänzte ein Krankenpfleger beflissen.
„Sagen sie das O´Mally, vielleicht kommen wir dann schneller an unser CT“, antwortete Kelly.
Jetzt war es Kelly, der sich einen strafenden Blick der Oberschwester einfing. Miculicz konnte sich nun nicht mehr beherrschen. Er fing hemmungslos an zu lachen. Auch Kelly lachte jetzt, was nicht sehr oft geschah. Die allgemeine Heiterkeit wurde durch ein plötzliches Aufbäumen des Patienten unterbrochen. Mit weit aufgerissenen Augen saß er auf der Untersuchungsliege. Heftiges Nasenbluten ließen sein Gesicht noch unheimlicher erscheinen.
„Scheiße“ murmelte Kelly.
„Sofort sedieren. Wieso ist er noch wach?“, herrschte er den Anästhesiepfleger an.
„Ich habe mich an ihre Vorgaben gehalten. 5mg….“
Weiter kam er nicht. Kelly schob ihn unsanft zur Seite. Auch Frank Hollow wurde auf seiner Untersuchungsliege lebendig. Wilde Bewegungen mit seinen Armen ließen die Umstehenden einen Schritt zurückgehen, trotzdem wurde eine Krankenschwester durch einen Arm am Kopf getroffen und ging sofort zu Boden.
„Aufheben und in den Nachbarraum bringen“, sagte Kelly und schaute dabei zur Oberschwester.
„Schauen sie nach, ob sie ernsthaft verletzt ist. Was ich von hieraus sehen kann, sieht harmlos aus. Aber sicher ist sicher“
Dann wandte er sich wieder Frank Hollow zu.
„10mg Diazepam i.v. und vorher bitte fixieren“
Zwei Krankenpfleger standen sprungbereit neben der Untersuchungsliege, während Kelly die Injektion vorbereitete.
„Bei drei….“, sagte er zu den beiden Pflegern.
Auf das verabredete Kommando sprangen die beiden Pfleger nach vorn, packten den Patienten am Oberkörper und drückten ihn wieder zurück auf die Untersuchungsliege. Kelly drängelte sich dazwischen und gab die Injektion. Bereits nach wenigen Sekunden ließ der Widerstand des Patienten nach und seine Muskulatur wurde schlaff.
„Wir werden sofort die Intubation durchführen, auch damit wir die Sedierung tiefer halten können“, sprach Kelly mehr zu sich selbst.
„Wenn O´Mally nicht in zwei Minuten hier bei uns ist, kann er sich auf etwas gefasst machen“, herrschte er nun wieder die kleine Schwester an, die unermüdlich das Telefon bediente.
Während des kleinen Zwischenfalles, waren die Kleidungsstücke des Patienten vom Tisch gefallen. Ein kleines Buch lag mitten in der Notaufnahme.
Kelly bemerkte es als Erster. Schon beim Aufheben fiel im das Gewicht des kleinem Buches auf. Für seine Größe war es außerordentlich schwer.
Kelly blätterte es kurz und stellte dabei fest, dass es sich um ein Tagebuch zu handeln schien. Er beschloss es später einer genaueren Inspektion zu unterziehen.
In Raum war es jetzt wieder ruhiger. Frank Hollow lag ruhig auf der Untersuchungsliege. Das Nasenbluten hatte aufgehört und das Geräusch der Beatmungsmaschine war wie ein Metronom, das die vorangegangene Hektik wieder beruhigte.
Kelly fing an die ärztlichen Maßnahmen in den Aufnahmebogen einzutragen. Miculicz wollte sich nach O´Mally persönlich auf die Suche machen. Nur ein Anästhesiepfleger saß neben Frank Hollow und kontrollierte die zahlreichen Monitore. Alles war wieder stabil.
Kelly schrieb ruhig seine Notizen und dachte intensiv über das eben Erlebte nach. Was fehlte Frank Hollow? In Gedanken schüttelte er den Kopf. Ein leises Gurgeln ließ in aufhorchen.
„Sie sollten den Patienten absaugen. Klingt, als wenn im Tubus Flüssigkeit ist.“, sagte er dem Pfleger, ohne sich umzuschauen.
Er vertiefte sich wieder in seine Aufzeichnungen. Der Herzmonitor schrillte plötzlich Alarm.
“Was ist denn jetzt wieder los?“, stöhnte Kelly ärgerlich. Er stand auf, drehte sich wütend um und blickte in das ebenso wütende Gesicht von Frank Hollow, der direkt vor ihm stand.