General Hospital, Southampton, Gegenwart
„Was glauben Sie, was es ist?“, fragte Kelly den Radiologen. Beide saßen im abgedunkelten Raum, der für die Beurteilung von Röntgenbilder neben dem Röntgenraum eingerichtet war vor dem Lichtkasten und starrten auf die Röntgenbilder. Doktor Miculicz stand dahinter und starrte ebenfalls auf die Bilder. Der Radiologe , Dr. O´Mally, zog eine Schachtel Zigaretten aus der Kitteltasche.
„Wollen Sie auch eine?“, fragte er Kelly.
„Sehe ich so aus, als wenn ich rauche?“, gab er zurück ohne die Blicke von den Röntgenbilder abzuwenden, „Außerdem ist im gesamten Krankenhaus das Rauchen verboten!“
„Ich rauche ja auch nicht mehr“, gab der Radiologe kleinlaut zurück
„Aber anscheinend auch nicht weniger“ fügte Miculicz trocken hinzu.
„Ich habe aufgehört. Mir hilft es, wenn ich eine Zigarette in der Hand halte ohne sie anzuzünden.“
„Machen Sie das mit den Frauen genauso?“, fragte Kelly
„Wie meinen Sie das?“
„Na, ihr nur das Streichholz zeigen und nicht anzünden!“
„Das ist ganz allein meine Sache!“ wurde O´Mally leicht ärgerlich.
„Nicht wenn es in meine Dienstzeit fällt. Dann ist es nicht IHRE Sache!“
Miculicz versuchte sich ein Lachen zu verbeißen. Erneutes Schweigen im Raum.
„Was sind das für dunkle Punkte neben dem Hirnstamm“, wollte jetzt Kelly wissen, der langsam ungeduldig wurde.
„Durchblutungsstörungen? Allerdings müssten diese dann schon älter sein, damit man solche Areale sieht und was mich stört, ist die Symmetrie. Sie sind kreisrund und wie auf einer Perlenschnur aufgezogen. Insgesamt sind sie auch zu klein, um eine solche Störung hervorzurufen“
Kelly nickte stumm. Er hatte O´Mally mehr prüfend als unwissend gefragt. Er selbst hatte Hunderte von CT-Bildern allein während seines USA Aufenthaltes ausgewertet. Natürlich hätte er diese Erklärung sich auch selbst oder Anderen geben können. Es reizte ihn einfach O´Mally auf die Probe zu stellen. Allein dafür, dass er auf ihn hatte warten müssen, während sich der Radiologe im Schwesternwohnheim vergnügte, oder was er unter Vergnügen verstand.
„Ich habe einmal so etwas Ähnliches in den USA gesehen. Dort wurde es als Strahlenschaden eingestuft“, versuchte Kelly wieder das Gespräch auf eine sachliche Ebene zu bringen.
„Strahlenschäden?“, fragte jetzt Miculicz
„Ja, bei Kriegsveteranen aus dem Golf-Krieg“
„Was sollen denn das für Strahlen gewesen sein?“, wurde jetzt auch O´Mally neugierig.
„Das wurde uns damals auch nicht vollständig erklärt. Die Patienten wurden alle nach der Erstversorgung zur einer Militärbasis und deren Krankenhaus überstellt. Wir haben sie dann nicht weiter verfolgen können – leider. Aber die Bilder waren recht ähnlich“
„Haben Sie nie versucht Kontakt mit dem Militärkrankenhaus aufzunehmen?“, fragte Miculicz weiter.
„Doch, aber ich hätte auch versuchen können eine chinesische Dschunke zu bestellen. Die hätte ich schneller bekommen, als eine Information über diese Patienten. Außerdem wurden alle nach Alaska gebracht, weil dort angeblich Spezialisten säßen“
„Alaska? Spezialisten? Wofür? Für Frostbeulen am Hintern für´s Rumsitzen?“, fragte jetzt O´Mally.
„Ich war schließlich Gastarzt und Engländer. Das ist schon eine gewisse Beschränkung in sich“
„Beschränkt als Arzt, oder als Engländer?“, stichelte jetzt O´Mally
„Sie würden gut nach Alaska passen. Wobei dort sicher überlegt worden wäre, ob man die Frostbeulen bei Ihnen nicht besser mit einem Gesichtcreme behandelt hätte“, gab Kelly trocken zur Antwort.
Miculicz konnte sich jetzt ein Lachen nicht mehr verkneifen.
„Man hätte es am Fehlen der Ohren gemerkt“, versuchte O´Mally den verbalen Schlagabtausch zu parieren.
„Eins zu Null für Sie!“
Kelly war über den Humor von O´Mally beeindruckt. Die Spannung löste sich und alle versuchten weitere Veränderungen auf den Bildern zu entdecken.
„Was zeigen die Aufnahmen mit dem Kontrastmittel?“, wurde Kelly wieder sachlich.
„Das ist ein Problem. Wir finden es auf den Aufnahmen nicht“
„Sie finden die Aufnahmen nicht, oder sie finden das Kontrastmittel nicht?“
„Wir erhalten keinen Kontrast. Es ist so, als wenn wir Wasser gegeben hätten. Nichts. Einfach nichts zu sehen“
„Das gibt es doch gar nicht“
„Doch. Das gibt es, wie sie sehen“
„Irrtum ausgeschlossen?“
„Völlig ausgeschlossen!“
„Was haben sie für eine Antwort auf dieses Problem?“
„Keine Plausible jedenfalls“
„Wir brauchen eine Kernspintomographie“
„Dazu müssten wir den Patienten verlegen. Unser MRT ist defekt und die Reparatur ist erst für nächste Woche geplant“
„Lang lebe das Nationale Gesundheitswesen. Auf diese Art wird es zumindest länger leben, als seine Patienten“, fügte Kelly mit sarkastischem Tonfall hinzu.
Schweigen.
„Okay. Beenden wir das für heute. Doktor Miculicz, sorgen sie bitte dafür das Mister Hollow auf die Intensivstation gebracht wird. Im Augenblick können wir für ihn sowieso nicht mehr tun, als bisher. Noch Fragen meine Herren?“, fragte Kelly schon beim Aufstehen. Die beiden Kollegen schüttelten den Kopf.
„Ich bin dann in meinem Dienstzimmer, wenn sich was ändern sollte. Angenehmen Dienst noch“, sagte Kelly beim Hinausgehen.
„Gleichfalls“, murmelten die beiden Kollegen zurück.
In seinem Dienstzimmer ließ sich Kelly auf die alte Couch fallen und schloss die Augen. Nicht um zu schlafen. Er versuchte den gesamten Fall noch einmal in Gedanken durchzugehen. Nichts, aber auch rein gar nichts Ähnliches hatte er bisher bei einem Patienten gesehen, sieht man einmal von den Ähnlichkeiten im CT ab, die Parallelen zu den Schäden bei amerikanischen Soldaten aus dem Golfkrieg aufwiesen. Kelly war unzufrieden. Er hasste es im Dunklen zu tappen. Er setzte sich auf und betrachte den kleinen Kühlschrank in seinem Dienstzimmer. Ein leises Brummen verriet seine Tätigkeit. Plötzlich fiel ihm das Buch ein, von dem Frank Hollow gesprochen hatte. Es ließ ihm keine Ruhe. Er stand auf und verließ sein Dienstzimmer.
In der Notaufnahme war es ruhig. Ein Pfleger sprach beruhigend auf einen Betrunkenen ein, der sich ein blutiges Handtuch unter seine immer noch blutendende Nase hielt.
„Gut, dass Sie da sind, Doktor Kelly, wir haben hier…“
„Nicht wir, sondern Sie haben“ winkte er ab und ging einfach weiter. Einen Betrunkenen wollte jetzt Kelly am wenigsten sehen oder gar untersuchen. Solche Dinge waren zunächst allein die Angelegenheiten des Pflegepersonals oder des Diensthabenden Arztes. Schließlich war er der House Officer und nur in schwierigen Fällen zu rufen. Doktor Miculicz versuchte sich ebenfalls an einer Patientin, die offensichtlich die gleiche Party wie der Patient auf dem Flur besucht hatte. Sie war aber in einem deutlich besseren Zustand, aber nicht minder betrunken.
„Das Schwein hat sie angefasst“ kreischte sie Doktor Miculicz an.
„Ja, Männer tun so etwas manchmal“ sprach Miculicz mit wenig Erfolg der Beruhigung auf sie ein.
„Das Buch ´Psychologie für Anfänger´ liegt in meinem Dienstzimmer“, sagte Kelly im Vorbeigehen zu Miculicz.
„Ich weiß, ich habe es Ihnen ja geborgt“ gab diese zurück, musste sich aber gleichzeitig ducken um einem Schlag der aufgebrachten Patientin auszuweichen.
Kelly ging kopfschüttelnd weiter.
„Wo sind die Sachen von Frank Hollow?“, fragte er die Schwester
„Sie liegen vorne im Archiv“
Kelly drehte sich wieder um und ging zum Archiv. Im Vorbeigehen klopfte er Miculicz auf die Schulter.
„Brechen Sie Ihren Eheberatungsversuch einmal ab und kommen Sie mit, ich brauche sie woanders, diesen Quatsch hier kann auch eine Schwester machen“
„Quatsch?“, kreischte die aufgebrachte blondierte Betrunkene
„Schwester! Kommen Sie mal bitte“ rief Kelly in den Nachbarraum und zog Miculicz einfach mit.
„Danke!“ flüsterte dieser und ließ sich bereitwillig mitziehen
„Ich brauch Sie. Ich möchte mir das Buch von Frank Hollow ansehen“
„Richtig. Das Buch. Das haben wir ja völlig vergessen“
Im Archiv lag das Buch auf den Kleidungsstücken, die sie Hollow ausgezogen hatten.
Kelly nahm es in die Hand. Es war ein kleines Buch, etwas größer als ein Notizbuch und sehr abgegriffen. Es wurde durch ein Gummiband zusammengehalten. Kelly entfernte das Gummiband und öffnete das Notizbuch. Schrift und handgemalte Abbildungen waren mit Bleistift verfasst. Alles sehr klein und eng beschrieben. Kelly ging näher an die Lampe, die neben dem Arzneimittelschrank ein trübes Licht ausstrahlte. Das Datum des ersten Eintrages stand oben rechts in der Ecke.
„Ist schon etwas älter“ stellte Kelly fest.
„Wieso?“, fragte Miculicz
„Sehen sie selbst“, antwortete Kelly und hielt es Miculicz vor die Augen.
„7. Januar 1943?“, las Miculicz ungläubig und staunend halblaut vor.
„Wann lebte eigentlich ihr Landsmann Nicola Tesla?“, fragte Kelly
„Das weiß ich nicht genau“
„Wann ist Frank Hollow geboren?“
„Wenn ich mich recht erinnere, ist sein Geburtsjahr 1963“
„Dann war er zum Zeitpunkt der Aufzeichnungen also –20 Jahre alt?“, fragte Kelly ironisch
„…oder Tesla schon sehr alt. Wir sollten das einmal prüfen“
„Es ist besser, wenn sie es prüfen, es ist sowieso auf ihrer Sprache geschrieben, wenn ich die Schrift richtig deute“
Er überreichte das Notizbuch Miculicz, dabei fiel ein kleiner Gegenstand aus dem Buch auf den Boden.
Beide Ärzte sahen ungläubig auf dem am Boden liegenden Gegenstand.
„Das ist ja interessant. Das hätte ich jetzt nicht gedacht“, entfuhr es Kelly erstaunt. Er bückte sich um den Gegenstand aufzuheben.