Kapitel 14
Tiefbauamt, Bereich Berlin-Mitte, Gegenwart
„Die Polizei ist am Telefon!“
Die beiden Sachbearbeiter, die noch im Zimmer saßen, guckten von ihren Akten auf und sahen ihren Kollegen ratlos an.
Nach einer ganzen Weile ergriff einer das Wort.
„Was wollen sie denn?“
„Moment, ich frage mal – Womit können wir behilflich sein?“
Am anderen Ende wurde offensichtlich eine längere Geschichte erzählt. Nach einer Weile unterbrach der Angerufene des Gespräch.
„Das muss ich erst mit dem Amtsleiter besprechen. Können wir sie zurückrufen?“
Kurze Antwort
„Das weiß ich auch, dass die Nummer der Polizei 110 ist. Haben Sie keine Durchwahl?“
Ein Kollege am anderen Schreibtisch lachte. Eifrig notierte der Angerufene die Nummer und beendete das Gespräch.
„Ja, ich rufe Sie zurück – Natürlich in diesem Jahr!“, etwas wütend knallte er den Hörer auf das Telefon, das an seinem Teleskoparm, der über die Schreibtische ragte, leicht nachvibrierte.
„Was wollten sie denn?“, fragte sein Kollege, der ihm am Schreibtisch gegenüber saß.
„Merkwürdige Geschichte. In der Charité ist ein Fußboden eingestürzt“
„Dafür sind wir nicht zuständig. Außerdem können Fußböden nicht einstürzen. Decken stürzen ein“, bekam er prompt zur Antwort.
„Na ja, wenn ich ihn richtig verstanden habe, ist der Fußboden bei Ausbesserungsarbeiten in eine Art Keller eingestürzt“
„Dann sollen sie die Feuerwehr rufen. Wir bearbeiten keine Katastrophen!“
„Die sind schon da und haben den Fußboden abgesichert. Die Polizei möchte nur, dass einer von uns sich das anguckt. Offensichtlich führt das Loch im Boden zu einem größeren Kellergewölbe.“
„Das klingt spannend. Aber eigentlich ist es immer noch nichts für uns“
„Ich bin mir da eben auch nicht so sicher. Wir müssen Krüger informieren, wozu leitet er unsere Dienststelle?“
„Okay, wer geht hin?“
Schweigen
„Nun kommt schon Jungs, einer von uns muss hin!“
„Gut, ich mache es – Nach der Frühstückspause. Ich habe ja auch das Telefonat bearbeitet!“
„Bearbeitet?“, murmelte einer seiner Kollegen, leise, aber für alle hörbar.
„Das habe ich gehört! Bearbeitet!“, warf er seinen lachenden Kollegen entrüstet entgegen.
Johann Krüger leitete das Tiefbauamt Berlin-Mitte seit 3 Jahren. Nach seinem Ingenieurstudium hatte er eine Weile auf Baustellen gearbeitet, bis sich ihm die Stelle bei der Stadt bot. Er musste nicht lange überlegen. Er war doch eher ein Mensch für den Schreibtisch, als für das Baugerüst.
Nachdenklich strich er sich mit den Fingern über die Oberlippe, nach dem sein Mitarbeiter das Telefonat wiedergegeben hatte.
„Mensch, Lahn, dass ist ja wirklich eine verzwickte Angelegenheit“, kommentierte er dessen Bericht.
„Wann ist denn das Ganze passiert?“
„Nach Auskunft der Polizei so vor einer Stunde“
„Ist die Presse vor Ort?“
„Das kann ich von hier aus auch nicht sehen. Der Kollege der Polizei hat auch darüber nichts mitgeteilt“
„Wissen Sie Lahn, ihr Humor hat immer eine überraschende Komponente für mich. Das passt so gar nicht zu ihnen“
„Was ist mit meinem Humor?“
„Nichts, aber die Geschwindigkeit, mit dem sie ihn produzieren. Ich werde selber zur Charité fahren und mich der Angelegenheit annehmen. Ich fahre sofort los. Wahrscheinlich werde ich heute nicht mehr ins Amt zurückkehren“
“Wahrscheinlich nicht“
„In welchem Gebäude der Charité ist es denn passiert?“
„Das weiß ich auch nicht. Die Polizei sollten wir zurückrufen, aber wir mussten sie erst auf den Sachstand bringen“
„Das ist ihnen gelungen. Ich werde mich darum kümmern“, sagte Krüger und schüttelte seinen Kopf.
Als Lahn aus dem Zimmer war, griff Johann Krüger zum Telefon.
Er rief den für den Bezirk Mitte zuständigen Polizeiabschnitt an.
´Hoffentlich wissen die bescheid´, dachte er beim Wählen.
Erstaunlicherweise bekam er gleich vom ersten Beamten die gewünschten Auskünfte. Er griff seine Jacke und verließ sein Büro.
Mit seinem Dienstwagen und dem offiziellen Schild hinter der Windschutzscheibe, ließ ihn der Pförtner passieren. Von da an brauchte er den Feuerwehrfahrzeugen, die sich auf dem Gelände aufreihten, nur zu folgen. An der Absperrung stellte er sein Fahrzeug ab. Es begann zu regnen. Schnell rannte er auf den Eingang zu.
„Krüger, Tiefbauamt. Ich möchte zum zuständigen Einsatzleiter“, stellte er sich dem Polizisten vor.
„Er wartet da vorne auf sie“, deutete er mit dem Zeigefinger auf den Einsatzleiter, der ungefähr 10m neben dem Eingang mit einem Feuerwehrmann in ein Gespräch vertieft war.
„Krüger, Tiefbauamt“, stellte er sich erneut vor.
„Sander. Ich leite den Einsatz“, antwortete der Feuerwehrmann. Krüger war etwas überrascht.
„Friedreich“, stellte sich der Polizist vor. „Wir arbeiten zusammen, aber da es mehr ein technisches Problem zu sein scheint, steht der Einsatz unter Leitung der Feuerwehr.
„Was ist passiert?“, fragte Krüger
„Heute sind hier in diesem Gebäudeabschnitt Ausbesserungsarbeiten am Fußboden vorgenommen worden. Dabei löste sich eine größere Steinplatte. Ungefähr 2qm Fußboden stürzten in einen Raum unter diesem hier. Ein Arbeiter wurde leicht verletzt“
„Was ist das für ein Raum?“, wollte jetzt Krüger wissen.
„Deswegen haben wir sie ja angerufen. Hier dürfte kein Keller sein. Jedenfalls nicht an dieser Stelle. Wir brauchen die Baupläne“
„Aber die müssen hier bei der Charité sein“ entgegnetet Krüger
„Sind sie auch, aber da ist kein Keller eingezeichnet. Wir brauchen die alten Baupläne. Am besten die, die vor dem Krieg entstanden sind“
Krüger kratzte sich am Kopf und dachte nach.
„Ich bin mir nicht so sicher, ob wir ihnen da weiterhelfen können. Solche Pläne werden im Landesarchiv Berlin, Abteilung Krankenhausbau, aufbewahrt“
Der Feuerwehrmann atmete tief ein.
„Gut, dann werden wir erst mal den darunter liegenden Raum selber untersuchen. Wenn es ein größerer Raum ist, müssen wir das gesamte Gebäude sperren und sogar evakuieren. Denn dann besteht eine gewisse Einsturzgefahr. Kommen sie mit?“, fragte er Krüger
Innerlich freute sich Krüger und war auch ein bisschen aufgeregt. Er ließ sich die Aufregung aber nicht anmerken.
„Ja, klar – Gleich?“
Der Einsatzleiter zog nur eine Augenbraue hoch.
„Ja, es könnte sein, dass wir schnell handeln müssen“
Sie betraten das Gebäude. Ein weiß-rotes Band war um ein unregelmäßiges Loch von ca. zwei Meter im Durchmesser aufgespannt.
„Holen sie uns eine Leiter und starke Lampen!“, rief er seinem Kollegen zu. Ein Mann vom Technischen Hilfswerk gesellte sich zu der Gruppe.
„Wollen sie da wirklich hinabsteigen?“, fragte er Krüger und Sander.
„Zur Risikoabwägung müssen wir uns schon ein genaueres Bild machen, oder sollen wir das Loch so lassen wir es ist?“
Sander legte sich dicht an das Loch auf den Bauch.
„Lampe“
Krüger reichte die Lampe an ihn weiter.
„Wollen mal hoffen, dass nichts mehr einstürzt“, sagte er lässig.
„Was glauben sie, warum ich auf dem Bauch herumliege und in das Loch gucke?“
„Was haben sie den bisher gemacht?“, fragte Krüger leicht beleidigt
„Die Einsturzstelle gesichert und versucht an die Pläne zu kommen“
„Mein Sohn macht so etwas über das Internet!“, warf der Mann vom technischen Hilfswerk in die Diskussion.
„Dann sagen sie mal unserem Senator, oder besser gleich dem Bürgermeister, dass unsere Autos mit Internet ausgestattet werden. Der preist doch wo immer er kann unsere ach so moderne Ausrüstung und Leistungsfähigkeit an. Wo ist er überhaupt? Ich habe einen von der Presse gesehen, wenn die da sind, ist auch der Bürgermeister nicht weit“
„Heute ist eine Demonstration gegen die Schließung vom Flughafen Tempelhof. Da wird er sein. Wenn er es sich traut“, antwortete Krüger, wieder mutiger geworden.
„Hm“, brummte Sander. „Das ist ja interessant!“, rief er kurz danach,
„Sehen sie sich das mal an….wie war ihr Name?“
„Krüger, Tiefbauamt!“
Mit einem leichten Stöhnen legte er sich auch auf den Bauch und verfolgte den Lichtkegel den Sander auf das Ziel richtete.
„Donnerwetter“, entfuhr es ihm. „Sieht doch nach einer größeren Anlage aus!“
Der Lichtschein der Lampe verschwand milchig in den Tiefen eines Ganges, der voller Geröll und alten Möbeln stand.
„Leiter!“ rief Sander
„Sie wollen da wirklich runter?“, fragte Krüger ungläubig.
„Was dachten sie denn? Es ist ein Kellergang. Wir müssen doch abklären, was da los ist“
„Wollen wir nicht lieber auf die Pläne warten?“, fragte Krüger etwas zaghaft, der sich wieder nach seinem Schreibtisch sehnte.
„Ach, Quatsch. Wir wollen hier nichts bauen, wir wollen uns nur einen Eindruck verschaffen, oder wollen sie der Presse sagen, das wir nur ein schwarzes Loch gefunden haben?“
Der Gedanke an die Presse beflügelte Krüger wieder,
„Okay, aber wir verschaffen uns nur einen Eindruck. Der Sicherheit wegen.“
Die Leiter wurde gebracht.
„Runter damit. Wir brauchen noch zwei Mann!“
Sofort waren zwei weitere Feuerwehrleute zu Stelle.
„Leuchten sie mal“, sagte Sander zu einem und drückte ihm die Lampe in die Hand.
„Sie sollten einen Helm aufsetze“, sagte er indes zu Krüger.
Stumm bekam er einen Helm vom technischen Hilfswerk.
„Auf geht´s“, verschwand Sander in der Tiefe. Krüger beobachtete seinen Abstieg. Es dürften so ungefähr drei Meter sein, schätze er die tiefe des Loches bis zum Boden des Kellers, oder was es auch immer war da unten. Dann folgte er dem Einsatzleiter.
Unten angekommen, mussten sich seine Augen erst an die Dunkelheit gewöhnen. Die Luft war muffig und staubig, aber trocken. Jetzt schaltete er auch seine Lampe ein. Sie schienen in einer Art Vorraum zu sein, von dem aus nur dieser eine Gang abzugehen schien. Sander ging vorsichtig zu dem Gang, dabei prüfte er immer wieder die Decke, in dem er den Lichtstrahl seiner Lampe nach oben richtete.
„Kommen sie“, forderte er Krüger und die beiden anderen Feuerwehrmänner auf, die Krüger gefolgt waren.
Langsam gingen die vier Männer in den Gang hinein. Durch das Licht aus vier starken Lampen war jetzt mehr zu erkennen. Es war ein typischer Kellergang. Die Wände waren nicht verputzt, aber hatten mal einen Anstrich erlebt – vor langer Zeit.
Links und rechts standen alte Krankenhausmöbel und immer wieder Geröll und lose Steine.
„Aus der Decke scheinen die Steine nicht zu fehlen“, stellte jetzt Krüger fest, „Die sieht eigentlichganz stabil aus. Sehen sie nur, regelmäßig sind Stahlträger eingezogen….sieht ein bisschen wie ein Gang zu einem Luftschutzbunker aus“
„Da könnten sie Recht haben“, bestätigte Sander die Beobachtung von Krüger.
„Hier scheint Endstation zu sein!“ rief Sander von vorne. Er stand vor einem großen Geröllhaufen aus Mauersteinen.
„Sehen sie mal, hier steht etwas an der Wand“, bemerkte der Feuerwehrmann, der hinter Krüger lief. Alle richteten ihre Lampen auf die Wand.
DER GANG IST FÜR NOTFÄLLE FREI ZU HALTEN
„Es könnte vielleicht doch ein Bunker sein. In den letzten Tagen des Krieges wurde immer noch in den Bunkern operiert, oder Patienten bei Luftangriffen hierher evakuiert“, stellte Krüger nach dem Lesen des Satzes fest.
„Ja, das klingt wahrscheinlich“, bestätigte Sander.
Dann wendete er sich wieder dem Geröllhaufen zu,
„Fest steht aber auch, dass wir an dieser Stelle nicht weiter kommen. Wir sollten das Gebäude sperren und auch evakuieren“
Mit dem Fuß schob er einen Stein aus dem Geröllhaufen nach links. Es stutze und bückte sich.
„….und die Polizei brauchen wir jetzt auch!“
„Wieso die Polizei?“, fragte Krüger.
„Sehen sie sich das doch mal an!“
Krüger trat dichter an den Geröllhaufen und schaute in das Gebiet, das die Lampe von Sander erhellte. Plötzlich erschrak er. Der Lichtkegel erhellte zwischen den Steinen einen menschlichen Schädel. Es war zwar nur der Schädelknochen, aber unheimlich sah es schon aus.
„Vielleicht aus einer anatomischen Sammlung?“, versuchte er das Gesehene einzuordnen.
„Vielleicht“, antwortete Sander, „ aber dann aus einer Sammlung der Gerichtsmedizin!“
Krüger sah in fragend an.
„Schauen sie sich den Schädel doch genau an. Da oben“
Krüger ging etwas dichter an den Schädel heran, obwohl es ihn einige Überwindung kostete. Seine Erfahrung mit menschlichen Überresten beschränkte sich auf Kriminalfilme. Aber jetzt konnte er es auch genau sehen.
„Ein kreisrundes Loch. Mitten in der Stirn“, stellte er fest.
„Genau, und so wie es aussieht, war es kein Stein, der diesem Menschen mitten in die Stirn gefallen ist. Ich denke es war ein Schuss. So, Männer. Umkehren. Wir brauchen die Pläne, das Gebäude muss gesperrt werden und die Polizei will sicher auch einen Blick auf diesen Schädel werfen“
„Da ist noch etwas“, rief jetzt einer der Feuerwehrmänner.
„WO?“, fragten die übrigen Drei nahezu im Chor.
Der Feuerwehrmann richtete den Lichtschein auf seine Entdeckung.
„Du lieber Himmel“, entfuhr es Sander.